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Amateure im Äther

Amateure im Äther

Bevor es PCs gab, war das Funken ein beliebtes Nerd-Hobby. Rund 7.000 Funkamateure gibt es heute in Österreich.
Einer davon ist Netzpolitikexperte Erich Möchel, der schon in seiner Jugend Geheimdienste unabsichtlich abhörte.

Radiobeitrag über Amateurfunker – FM4 Connected, 15. April 2017

„Oscar Echo drei Echo Mike Bravo, SQAV – Wo sind die üblichen Verdächtigen?“, ruft Erich Möchel über das Mikrofon seines Funkgeräts hinaus in die Welt. Es knackt und rauscht aus dem Lautsprecher: „OE3EMB, hier ist Oscar Echo eins Sierra Papa Sierra, portabel.“ Erich wird hellhörig und übersetzt: „Der ist mit einem Handfunkgerät unterwegs“, und drückt darauf wieder den Sprechen-Knopf: „Servus Peter! Wo bist denn grad?“

Erichs Funkstation befindet sich in der Nähe von Stockerau in seinem Haus. Im Garten und auf dem Dach hat der Amateurfunker selbstgebastelte Antennen aufgestellt – so genannte Junkyard Antennas. Diese heißen so, weil die Bauteile gebraucht sind und man sie genauso gut auf dem Schrottplatz finden könnte.

Eine „Junkyard Antenna“ auf Erich Möchels Haus

Für seine Antennen „Marke Eigenbau“ verwendet Erich Möchel alte Rohre, einfache Audiolitzenkabel zum Spulenwickeln oder auch alte Kondensatoren aus russischer Militärproduktion, „damit man ordentlich Leistung raushauen kann“, erklärt er den Aufbau seiner Do-it-yourself-Antennen. Damit kann er um die ganze Welt funken. Oder eben mit Peter, der mit seiner „Handgurke“ irgendwo in den Häuserschluchten Wiens über das Relais Kahlenberg mit uns in Stockerau verbunden ist.

Erste Ausflüge in den Äther

Seit den 1970er-Jahren beschäftigt sich Erich Möchel schon mit dem Funken. Mit einem einfachen Empfänger hat er sich damals durch die Kurzwellenbänder gehört und den Sendern Empfangsberichte geschickt. Als Dankeschön kamen Wimpel und Bestätigungen – sogenannte QSL-Karten – von den Radiostationen zurück: Es waren Auslandsdienste von staatlichen Rundfunksendern oder eben auch kleine Stationen, von Amateuren betrieben.

Auch der ORF (darunter die Clubstation OE1XRW und Radio Österreich International) hat QSL-Karten an HörerInnen gesendet.

„Dann bin ich draufgekommen, dass es da ja noch andere Funkdienste gibt: Flughäfen, Küstenwache, Marine und Radiotelefonie-Stationen an der Küste“, zählt Erich auf. „Von dort habe ich oft wunderschöne Bestätigungen bekommen, weil das Personal dort dasselbe Hobby hatte“, erklärt er. „So kommt es, dass ich von den Telekoms von Mauretanien, Israel oder Sri Lanka Bestätigungen habe.“

Feind hört mit?

Im Eifer, weitere Bestätigungen zu sammeln, schrieb Erich damals auch an zwei von ihm empfangene Stationen aus England: Cable & Wire London und Norddeich Radio. „Das hätte ich nicht machen sollen“, seufzt Erich. Sein Empfangsbericht landete nämlich schlussendlich im Verkehrsministerium in Wien. „Die haben bei meinen Eltern angerufen und gesagt, dass ich da völlig illegale Sachen mache in der Nacht, wie Funksprüche abfangen“, erzählt er.

Erst viel später kam Erich dahinter, warum seine Empfangsberichte beim Verkehrsministerium gemeldet wurden. Die beiden angeschriebenen Stationen wurden anscheinend von Geheimdiensten mitbetrieben: Norddeich Radio vom deutschen Bundesnachrichtendienst, die Station von Cable & Wire London vom britischen GCHQ. „Passiert ist mir eh nix, aber die Amateurfunkerprüfung wollte man mir dann schwer machen“, erinnert sich Erich Möchel. Mit bestandener Prüfung bekommen angehende AmateurfunkerInnen nämlich ihre Sprecherlaubnis und ein individuelles Rufzeichen.

Als der junge Erich gemeinsam mit einem Freund antreten wollte, schaute man die beiden wegen ihrer „Umtriebe“ schief an. Man erklärte ihnen durch die Blume, dass die Prüfung für sie wohl ein bisschen schwerer ausfallen könnte: Sie müssten schon besonders gut im Morsen sein, soll man ihnen gesagt haben. Zähneknirschend und mit geballten Fäusten in den Hosentaschen gingen die beiden wieder, ohne die Prüfung abzulegen. Erst 2010 hat Erich schließlich seine Funkerprüfung gemacht. Sein Rufzeichen: OE3EMB.

Ein Teil von OE3EMBs Funkausrüstung

Funkkontakte: Je exotischer, desto besser

Seitdem darf er ganz offiziell mit den rund 7.000 AmateurfunkerInnen in Österreich und all den anderen weltweit verstreuten über seine Anlage kommunizieren. Das Hobby ist großteils eine Männerdomäne, nur 8,8 Prozent der FunkerInnen in Österreich sind Frauen.

Als Erich seine Anlage herzeigt, hört man über die Lautsprecher statisches Rauschen und zwischendurch beinahe unverständliche Wortfetzen. Erich lauscht kurz und meint dann: „Das ist ein Russe.“ Er tippt kurz etwas in seine Tastatur am Computer, deutet auf den Bildschirm, wo man plötzlich den Standort des Funkers am anderen Ende sehen kann. Irgendwo in der Nähe von Wolgograd sitzt also jemand. „Der sucht Nordamerikaner“, übersetzt Erich die rauschenden Wortfetzen, die aus dem Gerät kommen. Doch worüber redet man dann eigentlich mit diesen Leuten am anderen Ende?

Die meisten Funker betreiben „Funksport“, erklärt Erich. Das heißt, in einer gewissen Zeit möglichst viele andere Stationen zu erreichen – je exotischer, desto besser, versteht sich. Um große Signaldistanzen zurücklegen zu können, sind die Funker vom Wetter auf der Sonne abhängig, erklärt Erich. „Herrscht ein Sonnensturm, prasseln ionisierte Partikel auf die Erde. Dann ist alles tot mit Störungen.“ Doch ein paar Tage nach einem Sonnensturm haben die Funker günstige Bedingungen.

Denn ein Teil der ionisierten Partikel bleibt in der Ionosphäre hängen. Sie dienen den Funkern quasi als reflektierender Spiegel für ihre Signale. „Wir schießen da 120 Kilometer in die Höhe, das Signal wird reflektiert, kommt wieder auf die Erde, wird wieder nach oben reflektiert und so weiter“, erklärt Erich den Weg des Signals. Diese Reflexionen werden „Hops“ genannt. „Wenn du bei jedem dieser Hops drei-, viertausend Kilometer machst, landest du irgendwann in Argentinien.“ Für das Anfunken und Empfangen von weit entfernten Stationen gibt es natürlich einen Fachausdruck: DXen (DX = Direct Exchange, bzw. steht das X auch für „Unknown“ – also den unbekannten Empfänger).

Mittels Reflexionen in der Ionosphäre kann ein Funksignal weite Strecken zurücklegen.

Theoretisch kann man auch extraterrestrisch DXen: Sehr selten gibt es Zeitfenster, in denen die internationale Raumstation ISS funkt und angefunkt werden kann. So kann man ein paar Worte mit den Astronauten wechseln. Diese seltenen Funkverbindungen sind unter FunkerInnen äußerst begehrt.

Generator als Standardausrüstung

Jedes Jahr am 1. Mai findet in Österreich eine landesweite, große Funkübung statt. Es ist ein Test für den Katastrophenfall. Bei einem flächendeckenden Stromausfall oder nach Naturkatastrophen kann die Infrastruktur zerstört sein. Der Amateurfunk ist in solchen Szenarien eines der wenigen Telekommunikationsmittel, die selbst dann noch funktionieren können.

Ob nach der Lawinenkatastrophe in Galtür 1999, dem Tsunami im indischen Ozean 2004 oder dem Erdbeben in Nepal 2015: Jedes Mal haben AmateurfunkerInnen Verbindungen in die Katastrophengebiete aufgebaut und mitgeholfen, Rettungsaktionen zu koordinieren.

Zur Standardausrüstung vieler FunkerInnen gehört deshalb ein Stromgenerator, damit im Notfall einige Zeit weitergefunkt werden kann. Auch Erich ist gerüstet: „Ich hab noch eine LKW-Batterie und einen Stromgenerator mit 19-Liter-Tank.“ Doch Erich meint auch: „Hoffentlich werden wir es nie brauchen.“


Erschienen am 15. April 2017 auf fm4.ORF.at
und als Radiobeitrag in FM4 Connected und der FM4 Morning Show