CFA-Franc: Überbleibsel aus der Kolonialzeit

In mehreren LĂ€ndern West- und Zentralafrikas gibt es seit Jahrzehnten eine GemeinschaftswĂ€hrung: den CFA-Franc. Er ist ein Überbleibsel aus der französischen Kolonialzeit. Zehn Musiker haben ein Lied gegen diese WĂ€hrung geschrieben. Mit ihrer Kritik sind sie nicht allein.

„Schluss mit dem Blabla – kein CFA-Franc mehr! Die Geschichte ist in Bewegung und niemand wird sie aufhalten“ – so beginnt der Refrain von 7 minutes contre le CFA, ein Lied von zehn Musikern aus sieben LĂ€ndern, das Ende Juni 2018 veröffentlicht wurde.

7 minutes contre le CFA

Warum ausgerechnet gegen eine WĂ€hrung rappen und singen? „Der CFA-Franc ist ein neokoloniales Werkzeug, dass von Frankreich aus gelenkt wird“, sagt der togolesische Rapper Elom 20ce, einer der Interpreten des Songs. „Die WĂ€hrung dient nicht unserer Wirtschaft und sie reprĂ€sentiert sie auch nicht“, kritisiert er.

Nicht nur von den zehn MusikerInnen wird Frankreich immer wieder vorgeworfen, die LĂ€nder der CFA-Franc-Zone auszubeuten, die wirtschaftliche Entwicklung kontrolliert niedrig zu halten und den politischen und militĂ€rischen Einfluss in der Region auszunutzen. Dass es den CFA-Franc weiterhin gibt, gilt KritikerInnen wie Elom 20ce und seinen musikalischen MitstreiterInnen als Beweis, dass eine echte Entkolonialisierung nicht stattgefunden hat.

Wie funktioniert diese WĂ€hrung eigentlich und warum gibt es sie in dieser Form noch?

Das koloniale Erbe des CFA-Franc

Der CFA-Franc wurde von der ehemaligen Kolonialmacht Frankreich 1945 eingefĂŒhrt. Die AbkĂŒrzung CFA stand ursprĂŒnglich fĂŒr Colonies Françaises d’Afrique – also „Französischen Kolonien in Afrika“. Um die koloniale Vergangenheit zu verwischen, steht die AbkĂŒrzung seit der UnabhĂ€ngigkeit fĂŒr CommunautĂ© FinanciĂšre Africaine (Afrikanische Finanzgemeinschaft) oder auch fĂŒr Franc de la CoopĂ©ration FinanciĂšre en Afrique Centrale (Franc der Finanzkooperation in Zentralafrika).

Die GemeinschaftswĂ€hrung ist aufgeteilt in zwei WirtschaftsrĂ€ume und technisch gesehen auch in zwei WĂ€hrungen: Der CFA-Franc BCEAO in den acht LĂ€ndern des UEMOA-Wirtschaftsraums und der CFA-Franc BEAC in den sechs LĂ€ndern des zentralafrikanischen Wirtschaftraums CEMAC.

Die Franc-Zone
(Quelle: Banque de France)

Die heutige „Franc-Zone“ beinhaltet die ehemalige Kolonialmacht Frankreich, die zwei CFA-Zonen und die Komoren im Indischen Ozean. Der Komoren-Franc ist eine eigene WĂ€hrung, die wie der CFA-Franc an den Euro gebunden ist.

Seit der EinfĂŒhrung war der CFA-Franc stets an den Französischen Franc gekoppelt. Das Ă€nderte sich auch nicht, als die CFA-LĂ€nder von Frankreich unabhĂ€ngig wurden. Der Einfluss Frankreichs auf die beiden WirtschaftrĂ€ume blieb bestehen, und als Frankreich den Euro einfĂŒhrte, wurde der CFA-Franc eben an diesen gekoppelt. Seitdem bekommt man fĂŒr einen Euro 655,957 CFA-Francs.

Diese Koppelung bedeutet, dass der CFA-Franc nur bedingt auf- oder abgewertet werden kann – eben wenn auch Frankreich die Zustimmung dazu gibt. Der CFA-Franc wĂ€chst und schrumpft sozusagen mit dem Euro. Das macht die WĂ€hrung zwar stabil und verglichen mit den WĂ€hrungen in den NachbarlĂ€ndern relativ stark. Das macht jedoch auch Exporte teurer – ein wirtschaftlicher Nachteil fĂŒr diese hauptsĂ€chlich Rohstoffe exportierenden LĂ€nder. Mangels einer etablierten Fertigungsindustrie werden die meisten Fertigprodukte und KonsumgĂŒter hauptsĂ€chlich aus dem Ausland importiert.

Frankreichs Einfluss wird auch deutlich, wenn man in die Verwaltungsgremien der zwei Zentralbanken der CFA-Zone blickt: Frankreich hat in der westafrikanischen Zentralbank BCEAO ein Vetorecht und in den zentralafrikanischen BEAC-Gremien mĂŒssen Entscheidungen einstimmig getroffen werden – können also auch von Frankreich blockiert werden. Zudem mĂŒssen die CFA-LĂ€nder die HĂ€lfte ihrer WĂ€hrungsreserven bei der französischen Zentralbank hinterlegen. Diese garantiert dafĂŒr, dass der CFA-Franc in andere WĂ€hrungen gewechselt werden kann.

Kritik am CFA-Franc

„Die Probleme des CFA-Francs werden unter Experten und Intelektuellen schon lange diskutiert“, meint der senegalesische Wirtschaftswissenschafter Ndongo Samba Sylla. Er beobachtet den gesellschaftlichen Diskurs ĂŒber den CFA-Franc seit mehreren Jahren.

Ndongo Samba Sylla ist Wirtschaftswissenschafter in Dakar/Senegal und arbeitet dort fĂŒr die Rosa-Luxemburg-Stiftung als Forschungs- und Programmleiter.

Sylla ist Koautor des Buchs L’arme invisible de la Françafrique – Une histoire du Franc CFA, erschienen im September 2018.

„Seit 2016 erreicht die Debatte eine breitere Masse, weil panafrikanische Bewegungen sich dem Thema widmen“, erklĂ€rt Sylla. Im Senegal setze sich etwa die Gruppe France DĂ©gage fĂŒr die „monetĂ€re SouverĂ€nitĂ€t“ der CFA-Staaten ein. Mehr Menschen wird also bewusst, in welchem AbhĂ€ngigkeitsverhĂ€ltnis sich ihre WĂ€hrung und ihr Land befindet. Trotzdem gibt es noch immer genug BefĂŒrworterInnen, die meist die StabilitĂ€t der WĂ€hrung unterstreichen.

Sylla Ă€rgert es, dass die Debatte ĂŒber den CFA-Franc zu hĂ€ufig auf die Vor- und Nachteile heruntergebrochen wird: „Denn diese sind zwischen den sozialen Schichten extrem ungleich verteilt“, betont der Ökonom. Ein Beispiel: Von der vielbeschworenen StabilitĂ€t der WĂ€hrung „profitiert hauptsĂ€chlich die politische und ökonomische Elite: die Manager der Zentralbanken und französische Unternehmen“, sagt Sylla.

Und wĂ€hrend der Druck von unten wĂ€chst, verweigert der Großteil der politischen Elite – besonders in den zentralafrikanischen CFA-LĂ€ndern – die Diskussion. Den PolitikerInnen wird vorgeworfen, alles beim Alten belassen zu wollen, um ihre Macht und ihren persönlichen Wohlstand zu zementieren. Auf der anderen Seite behĂ€lt Frankreich seinen Einfluss und wirtschaftliche Vorteile. Der französische PrĂ€sident Emmanuel Macron betonte jedoch 2017 bei einem Besuch in Burkina Faso, dass die Staaten jederzeit aus der Franc-Zone austreten können.

Umstrittener ProtestfĂŒhrer

Eine der schillerndsten Figuren im aktuellen Kampf gegen den CFA-Franc ist der panafrikanische Aktivist KĂ©mi SĂ©ba. Er hat die jĂŒngsten Proteste gegen die WĂ€hrung initiiert und fĂŒhrt die panafrikanische Bewegung Urgences Panafricanistes an.

Vergangenes Jahr verbrannte KĂ©mi SĂ©ba in Dakar aus Protest medienwirksam einen 5.000-Francs-Schein (das entspricht etwa 8 Euro). Er wurde daraufhin verhaftet, kurze Zeit spĂ€ter wieder freigelassen und nach Frankreich ausgewiesen – SĂ©ba wurde in Straßburg geboren, seine Eltern stammen aus Benin.

Der panafrikanische Aktivist Kémi Séba verbrennt einen 5.000-Franc-Schein
(Screenshot von Youtube)

SĂ©ba ist nicht unumstritten: Der selbsternannte „Afrozentrist“ grĂŒndete in Frankreich eine radikale schwarze Bewegung namens Tribu Ka. Die mittlerweile verbotene Gruppe Ă€ußerte sich offen antisemitisch und Kritiker attestierten ihr „schwarzen Suprematismus“. Außerhalb Frankreichs und und Afrikas bekam KĂ©mi SĂ©ba unter anderem UnterstĂŒtzung vom ehemaligen iranischen PrĂ€sidenten Mahmud Ahmadinejad und vom russisch-nationalistischen Ideologen Alexander Dugin.

In der Zwischenzeit tourt der polarisierende Aktivist durch zahlreiche LĂ€nder inner- und außerhalb Afrikas, um die Ideen seiner panafrikanischen Bewegung zu verbreiten – unter anderem die Idee der Abschaffung des CFA-Francs. Die von ihm initiierten Proteste gegen die WĂ€hrung verschafften der Debatte darĂŒber eine neue Dynamik. In einem UserInnen-Voting von africanews wurde der Aktivist mit großem Vorsprung zur Afrikanischen Persönlichkeit des Jahres 2017 gewĂ€hlt.

Alternativen zum CFA-Franc

Elaborierte LösungsvorschlĂ€ge bietet das Protestlied 7 minutes contre le CFA in seinen sieben Minuten freilich nicht. Zwar lautet eine der letzten Zeilen „Our money should be gold, said Mr Ghaddafi“, was aber wohl als Metapher auf den Rohstoffreichtum Afrikas verstanden werden darf.

Wohin die Reise des CFA-Francs geht, sei sehr schwierig zu sagen, meint der Ökonom Ndongo Samba Sylla. Zwar gibt es PlĂ€ne, in der westafrikanischen Wirtschaftszone ECOWAS ab 2020 eine gemeinsame WĂ€hrung einzufĂŒhren, doch Sylla glaubt nicht, dass dieses Vorhaben tatsĂ€chlich umgesetzt wird. FĂŒr den Wirtschaftswissenschaftler sind zwei Szenarien am wahrscheinlichsten.

Der nationalistische Weg

Das erste Szenario bezeichnet Sylla als den nationalistischen Weg: „Das heißt Ausstieg und die EinfĂŒhrung einer eigenen LandeswĂ€hrung.“ Dieser Ansatz wurde etwa von Algerien und Vietnam gewĂ€hlt, die in der kolonialen Vergangenheit auch der Franc-Zone angehörten. Auch Guinea, Madagaskar und Mauretanien kehrten einige Zeit nach der UnabhĂ€ngigkeit zu eigenen LandeswĂ€hrungen zurĂŒck.

Diese Option berge jedoch Gefahren, betont Sylla: „Frankreich hat dabei jedes Mal versucht, die jeweiligen Volkswirtschaften zu sabotieren.“ Nachdem sich Guinea dazu entschlossen hatte, eine eigene nationale WĂ€hrung zu einzufĂŒhren, habe Frankreich versucht, falsche Banknoten in Umlauf zu bringen, so Sylla. Nicht nur deshalb berge diese Option Gefahren.

Die panafrikanische Perspektive

Die panafrikanische Lösung nennt Ndongo Samba Sylla als zweites Szenario. „Der erste Schritt dabei wĂ€re der Austritt Frankreichs aus der CFA-Franc-Zone.“ Das heißt: Keine Hinterlegung von Reserven mehr in Frankreich, keine französische Vertretung in den Zentralbankgremien mehr. „Die afrikanischen LĂ€nder wĂ€ren dann selbst fĂŒr ihre GemeinschaftswĂ€hrung verantwortlich und diese WĂ€hrung könnte man auch umbenennen“, sagt der Ökonom. Zudem fordert er eine Restrukturierung der Zentralbanken, damit diese „mehr Einfluss auf Entwicklung und Wachstum“ in der Region hĂ€tten.

Sylla plĂ€diert fĂŒr eine panafrikanische Lösung in der Art einer „Solidargemeinschaft auf Basis nationaler WĂ€hrungen“: „Wenn man eine LandeswĂ€hrung hat und diese gut ‚gemanagt‘ wird, erzeugt man eine gewisse FlexibilitĂ€t innerhalb der heimischen Wirtschaft. Hat man eine einzige WĂ€hrung in 14 verschiedenen LĂ€ndern, kann es dabei große EinschrĂ€nkungen geben“, erklĂ€rt der Ökonom.

Sylla schlĂ€gt fĂŒr diesen Fall vor, dass FremdwĂ€hrungsreserven der beteiligten LĂ€nder von einem WĂ€hrungsfonds oder einer Zentralbank verwaltet werden. Mithilfe einer gemeinsamen Verrechnungseinheit könnte man die unterschiedlichen LandeswĂ€hrungen konvertieren. „Das wĂŒrde auch die Handelsbeziehungen zwischen diesen LĂ€ndern verbessern“, sagt Sylla.

Zukunftsmusik vs. Musik

WĂ€hrend diese Szenarien noch nach Zukunftsmusik klingen, wollen die InterpretInnen von 7 minutes contre le CFA derweil mit ihrer Musik mehr Aufmerksamkeit auf die Probleme im Zusammenhang mit dem CFA-Franc lenken.

Gut einen Monat nach der Veröffentlichung des Songs ist Elom 20ce mit der Resonanz zufrieden: „Es gab viele Fernseh- und Radio-Berichte und Diskussionen darĂŒber. Auch französische und internationale Medien haben berichtet“, sagt der Rapper. Es sei klar, „dass sich die Situation nicht von einem Tag auf den anderen Ă€ndert. Doch was die Sensibilisierung betrifft, ist die Bilanz positiv und hier dĂŒrfen wir nicht aufhören“.

Es gibt kein Gemurmel mehr, sondern Rufe auf der Straße!

So lautet eine weitere Zeile des Refrains. Die Message ist klar: Weg von intellektuellen Zirkeln, hin zur breiten Masse. Dabei rufen die zehn KĂŒnstlerInnen von 7 minutes contre le CFA auch zur Interaktion auf: Unter dem Hashtag #FreestyleContreLeCFA sollen Verse und Rhymes von SympathisantInnen des Protests gesammelt werden.


Erschienen am 6. August 2018 auf fm4.ORF.at
und als Radiobeitrag in der Sendung FM4 Connected

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